Essay von Alex Haberfellner

Nicht aus
dem Regal

Ich will wissen, wo
mein Fleisch herkommt.

Mit Opa und Onkel

Meine ersten Jagderlebnisse hatte ich als Kind, mit meinem Opa und meinem Onkel. Ich habe damals nicht verstanden, was genau passiert, aber ich habe gespürt, dass es ernst ist.

Aufgewachsen bin ich im Pitztal in Tirol, in einem Gasthaus, das für viele Jäger so etwas wie ein zweites Wohnzimmer war. Jagd war dort nicht nur draußen im Revier präsent, sondern auch danach: am Tisch, in der Küche, in Gesprächen.

Als Jugendlicher hat mich Jagd überhaupt nicht mehr interessiert. Bei der Musterung entschied ich mich für den Zivildienst statt fürs Bundesheer. Der Dienst an der Waffe war für mich keine Option.

Es hat mich in die Stadt gezogen, weg vom Land, weg von vielem, das sich damals eng oder vorgegeben angefühlt hat. In der Natur war ich trotzdem immer gern.

Zeit, Wasser, Geduld

Irgendwann kam auch das Fliegenfischen dazu. Man steht am Wasser, schaut, wartet, wirft, probiert und fährt oft genug mit leeren Händen nach Hause.

Man bekommt ein Gefühl dafür, wie viel Zeit, Aufmerksamkeit und Geduld nötig sind, bis aus einem Tag draußen ein Essen wird.

Und man schmeckt den Unterschied. Ein Fisch aus Wildfang schmeckt anders als ein Zuchtfisch. Nicht nur besser, sondern konkreter. Er hat einen Ort.

Wo kommt das wirklich her?

Ich habe immer gern Fleisch gegessen. Aber irgendwann wollte ich genauer wissen, wo das Fleisch, das ich konsumiere, wirklich herkommt, wie viel Arbeit dahintersteckt und was passieren muss, bevor es am Teller liegt.

Was bedeutet es, wenn ein Tier nicht anonym bleibt, sondern einen Ort, einen Moment und eine Geschichte hat?

Im April 2024 habe ich die Jagdprüfung gemacht. Ich habe viel gelernt: über Wildtiere, Lebensräume, Schonzeiten, Waffen, Recht, Hygiene und über die Verantwortung, die mit der Jagd verbunden ist. Vor allem hat sich mein Bild davon verändert, was Jagd tatsächlich bedeutet.

Jagd ist selten das, was viele sich darunter vorstellen. Oft sitzt man stundenlang draußen, manchmal tagelang ohne Erfolg. Man beobachtet, wartet, prüft, fährt wieder heim. Und wenn irgendwann ein passendes Stück dabei ist, beginnt danach der nächste Teil der Arbeit: bergen, aufbrechen, kühlen, zerwirken, verarbeiten, kochen.

Vielleicht müsste Wildfleisch genau deshalb anders erzählt werden. Als hochwertiges Lebensmittel, in dem Zeit steckt, Wissen, Geduld, Landschaft und sehr viel Arbeit.

Gemeinsam schmeckt es besser

Ich kaufe kein Fleisch mehr im Supermarkt. Im besten Fall kommt es von Bauern, die ich kenne, oder von einem Tier, das ich selbst erlegt habe. Mich interessiert immer stärker die konkrete Herkunft: von wem etwas kommt, aus welcher Haltung, aus welcher Landschaft und unter welchen Bedingungen es entstanden ist.

Am Ende geht es für mich um den ganzen Weg: um das Draußensein, das Beobachten, die Auswahl, die Arbeit danach, das Kochen und schließlich den Tisch, an dem man mit anderen sitzt. Genuss, Freundschaft und das Teilen von etwas, dessen Herkunft man kennt.

Wild Things entsteht aus diesem Interesse.

 

Es geht um Jagd, Fischen, Kochen, Herkunft und die Frage, warum uns vieles davon fremd geworden ist. Gerade in der Stadt fehlt oft der direkte Bezug dazu, wie Lebensmittel entstehen und was dazugehört, bis sie auf dem Teller landen.

Fleisch ist jederzeit verfügbar, aber seine Herkunft bleibt häufig abstrakt. Natur ist schön, solange man nicht darüber nachdenken muss, dass Leben und Tod, Nutzung und Verantwortung zusammengehören. Gleichzeitig ist Jagd für viele vor allem mit Klischees verbunden – und selten mit dem tatsächlichen Umgang mit Wildtieren, Landschaft und Nahrung.

Mir geht es dabei nicht darum, das „Wilde“ spektakulärer zu machen, sondern näher, verständlicher, normaler. Und vielleicht beginnt genau dort ein anderer Umgang mit dem, was wir essen.